Tyrannys Erweiterung Bastard’s Wound ließ mir keine andere Wahl, als alle zu töten

Ich kannte nicht all ihre Namen. Viele von ihnen hatten nicht mal einen, sondern hießen “Lehrling” oder “Bewohner”. Irgendwas um die 40 Leute sind es, die Tyrannys letzte Woche erschienene Erweiterung Bastard’s Wound in die identisch benannte Untergrundsiedlung pfercht, um die es in seiner neuen Geschichte geht. Und auf einmal, oh Junge, sind alle tot. Auch alles, was im mehrstöckigen Dungeon darunter kreuchte und fleuchte. Keine mordlüsterne Langeweile trieb mich dazu, sondern ein Bug.

Obsidian und der Ruf des Studios waren einst an Bugs gekettet wie an einen Hinkelstein, oft bedingt durch enge Zeitpläne für robuste RPG-Systeme, und vermutlich verlor manch ein Publisher einfach die Komplexität ihrer Spiele aus den Augen.

Im Gespräch des britischen Kollegen Rick Lane mit Obsidian-Chef Feargus Urquhart gibt es weitere Details dazu, wie das Studio inzwischen Abmachungen zur Qualitätssicherung in seinen Verträgen trifft. Der Fairness halber: Seit einiger Zeit erlebte ich keine von Fehlern zerfressene Shitshow mehr wie in (den trotzdem großartigen Spielen) Fallout: New Vegas, Alpha Protocol oder KotOR 2. Vor allem in Tyranny nicht, einem trotz Ähnlichkeit zu Pillars of Eternity davon emanzipierten, entzückenden, süßen Party-RPG in einer Welt, in der das Böse siegte.

t2

Ein Bug im Zusammenhang mit Bastard’s Wound schlich sich trotzdem ein. Kurz nach der Ankunft in der Untergrundsiedlung schickt euch einer der Anführer ins Gebiet Lethians Kreuzung, wo eine Quest namens “Kreuzungsgemetzel” startet und einen Kampf vom Zaun bricht. Das tat sie offenbar auch schon im Hauptspiel, doch meine Wege führten mich im einzigen Spieldurchgang nie mehr dorthin.

Kurzum: Mit aktiver Bastard’s-Wound-Quest taucht der Plündereranführer nicht in Lethians Kreuzung auf, ist aber ans Erfüllen des Ziels geknüpft. Ich tötete jede feindlich gesinnte Person in Reichweite und das Spiel verharrte im Kampfmodus. Das Gebiet zu verlassen war ebenso wenig möglich, wie einen der ängstlich kauernden Zivilisten hier in eine Unterhaltung zu verwickeln. Es fehlte einfach der Trigger mit der Mitteilung gegenüber dem Spiel, dass wieder Normalzustand herrscht.

Meine einzige Ausfahrt, ohne die vielen weit zurückliegenden Spielstände davor abzuklopfen (zumal ich unsicher war, ob die Quests mit dem Add-on kam oder schon vorher da war): die Annäherungsversuche der Anführer in der Untergrundsiedlung abschmettern und den Einwohnern ihre Gedärme zu fressen geben. Was ich nach der Rückkehr zum vorletzten Spielstand auch tat. Nicht, weil das Spiel und seine Welt in ihren Systemen die Hintertür offenlassen, Problemlösungen auf den einfachstmöglichen Weg zu reduzieren. Fallout war so ein Spiel, in dem man ansatzlos jeden erschießen kann, danach Teil zwei und New Vegas.

Tyranny ist keines der Sorte, aber Obsidian räumt bei seinen paar Entscheidungen und besonders hier im Dialog mit dem Anführer ein, den gewaltbereiten Arschtreter herauszukehren. Woraufhin in der Siedlung ein 40-Mann-Echtzeit-mit-Pause-Clash startet. Alle NPCs werden feindlich und greifen an. Alle tot zehn Minuten später. Anschließend kann man auf eigene Faust runter in die “Bruchtiefen” oder die “Dunkelhöhle” und herausfinden, was es mit den schlafgestörten Personen und ihrem Leiden auf sich hat.

t1

Was für ein schnörkelloses, in seiner Einfachheit ernüchterndes Erlebnis. In der Praxis bedeutet das Schlüsselrätsel und Maulschellen für Geistererscheinungen, die durch mit Fallen gespickten Korridore schweben. Als ich den Dungeon-Boss zerlege, um den sich so viele Erzählungen oberhalb ranken, gibt es nicht mal eine bestätigende Sequenz. Die Truppe steht da knietief in den Eingeweiden und das war es. Ehrlich gesagt bin ich nicht mal sicher, ob das überhaupt ein richtiges Ende ist. Wenigstens gab es für den Blutrausch ein Steam-Achievement. Ein schwacher Trost für ein sehr sonderbar zu Ende gehendes Add-on.

(Falls jemand dasselbe Problem mit der Quest hat: Das Laden eines Spielstands aus dem zweiten Akt, bevor ich irgendetwas Add-on-Bezogenes tat, schaffte Abhilfe und die Anführerin tauchte auf. Tut das am besten vorher. Sonst steht ihr irgendwann da wie ich, mit beiden Beinen in Leichenbergen, und wisst nicht, ob das jetzt ein gutes oder schlechtes Gefühl ist.)

896

Comments

Comment on this story

You must be registered and logged in to post a comment.