Tooth and Tail sieht niedlich aus, hat aber auch fiese Zähne

Es sind immer die Niedlichen, die einen bei lebendigem Leib mit einem Flammenwerfer brutzeln. Seit einigen Stunden spiele ich die Kampagne von Tooth and Tail [offizielle Seite], einem Strategiespiel um Waldtiere, und werde andauernd von betrunkenen Eichhörnchen und brillentragenden Ebern getötet. Mir gefallen die einfache Bedienung und der bissige, voller Ratten steckende Pixel-Art-Stil. Doch mir fiel auch auf, dass es trotz der Entwicklerversprechen eines zugänglichen RTS für Leute, die ins Genre hineinschnuppern möchten, teils frustrierend schwer sein kann. Diese Nagetiere mit den Revolvern kennen keine Hemmungen.

Laut Entwickler Pocketwatch Games ist Tooth and Tail “ein Popcorn-RTS sowohl für Veteranen als auch Neulinge”. Ich verstehe, wieso sie sich auf diesen Satz eingeschworen haben. Das Spiel hat eine einladende Redwall-hafte Erscheinung. Das Aufbauen und Steuern einer Armee klappt deutlich unkomplizierter als in jedem Starcraft, Total War oder Command & Conquer. Ihr rennt über die Karte, zieht eure Armee mit Klicks hinterher und hämmert auf die Leertaste, um Einheiten speiende Kaninchenbauten, verteidigende Geschütze, Stacheldrahtzäune oder Minen zu bauen. Nach einer einzigen Runde versteht man das Spiel. Es gibt keine Technologiebäume, keine Forschungspunkte und nur eine Ressource: Fleisch. Leckeres Fleisch.

Unter dieser Einfachheit und Geschmeidigkeit versteckt sich eine Bösartigkeit. Für ein Neulinge willkommen heißendes Spiel hat es einige ernsthaft aufreibende Missionen in seiner Singleplayer-Kampagne. In einem Level müsst ihr als Rattenanführer des Gesindels eine Armee aufbauen, indem ihr dem Feind auf der Karte verstreute Fleischkisten stehlt. Ihr habt keine Möglichkeit, eine eigene Farm (den üblichen Ressourcengeber) oder neue Truppen aus Kaninchenbau zu bauen. Ein schwächlicher Fußmarsch kann umschwingen in einen rettungslosen Sturzflug. In einem anderen Level sammelt ihr abermals Kisten und errichtet Geschütze zum Schutze regungsloser “Händler” vor Wellen einfallender Vögel. Das ist hektisch und schwer.

Es gibt Lösungen dafür. Ihr könnt beispielsweise Gefangene befreien, die eurer Armee beitreten, und Truppen mit Wasser heilen. Oder ihr könnt Fleisch für einen Scharfschützen aufheben, damit er weit entfernte Lufteinheiten ausschaltet. Das fühlt sich an wie ein sehr auf Old-School gebürsteter RTS-Ansatz – der Kampagnenmissionen wie Puzzles behandelt, die man mit Truppen, Geld und Positionierung löst. Doch es bedeutet auch, dass euch ein frühzeitig falscher Zug oder ein schlecht verlaufendes Gefecht in den ersten Minuten stilllegen kann. Die Karten sind zufällig generiert, weshalb man bereits wegen unglückseliger Kartografie scheitern kann. Zum Beispiel, wenn das Spiel eure unentwickelte Basis direkt neben einer feindlichen Festung ausspuckt.

Ich habe immer noch Spaß damit, das sollte ich betonen. Besonders liebe ich die schwerfällige Politik der Tiere. Ganze Spezies werden gezeichnet als habgierige Marktleute, militante Demokraten oder religiöse Zeloten. An einer Stelle sagt ein Eichhörnchen zu einer Echse: “Ich denke, unsere Art hilft jedem. Wir SOLLTEN die Schwachen verspeisen”. Und obwohl beide anderer Meinung sind in Hinblick auf diesen, sagen wir, kontroversen Grundsatz, bringen sie einen Toast aus. “Für eine kapitalistische Demokratie.” Können wir etwas von diesen Biestern lernen? Wahrscheinlich nicht.

Aufgrund des Humors und der Warmherzigkeit zwischen den Missionen kommt es allerdings umso überraschender, wenn mich eine Quest doch mal hinterrücks erwischt. Das sind dann nicht einfach schwere, sondern sauschwere Prüfungen. Plötzlich grätscht eine heftige Mission zwischen euch und die gute Zeit, die ihr bis dahin hattet – nicht derart, dass alles ruiniert wäre, aber doch als spürbare Störung. Diesen Situationen ist nur durch beharrliches Wiederspielen beizukommen (hier wäre eine “Level-neustarten”-Button eine willkommene Option), was allerdings nichts an der Erniedrigung ändert, die unweigerlich damit einhergeht, wenn eure Zockerfinger mehrfach von einem Computerwiesel abgenagt wurden. Bleibt zu hoffen, dass sich die Schwierigkeitskurve hintenraus noch etwas glättet, immerhin will ich erfahren, was nach der Revolution passiert und wie die Schweine – größter Fleischlieferant dieser Welt – trotz ihres wenig erbaulichen Schicksals so ruhig bleiben können. Sind doch sonst so clevere Kerlchen.

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5 Comments

  1. DasBilligeAlien says:

    Ein tolles Spiel und ein gerechtes Review.

    Ich selber krieg immer wieder auf die Fresse in der Mission mit den Angriffswellen aus Falken.
    Die Multiplayer Komponente ist allerdings wirklich großartig. Auch wenn ich extrem schlecht geworden bin im Spiel seit der Alpha.

    Zur Übersetzung:
    Kaninchengehege macht über haupt keinen Sinn. Der Begriff Burrow wäre mit Bau oder Erdloch viel sinnvoller übersetzt.

    Insgesamt noch ziemlich holprig und zu direkt übersetzt in der Satzstellung.

    Dennoch würde ich mich freuen wenn RPS.de ein Erfolg wird. 🙂

    • Sebastian Thor says:

      Danke. Ist alles nicht so einfach. Hau raus, wann immer du was anzumerken hast. Ich freue mich über jede Art von Input.

      • CheeseFarts says:

        Korinthenkackereialarm:
        “Kaninchenbaus” sind “Kaninchenbauten” und “Zealots” kann man zwar als “Zeloten” übersetzen “Eiferer/Fanatiker” ist dann aber schon eleganter. Ausserdem wäre “heavy handed” im Kontext mit “unbarmherzig” wohl besser übersetzt.

        Und ganz allgemein wäre es dem Erfolg vielleicht zuträglich, nicht nur die Texte sondern auch den Rest der Seite (Buttons etc.) zu übersetzen, wobei ich den leicht dilletantischen Ansatz persönlich ja charmant finde. 😉

        • CheeseFarts says:

          P.s.: Der Code Vein Artikel ist teilweise auch ganz schön holprig. Versuch doch mal, die Sätze nicht am Stück zu übersetzen, Inhalt über Form.

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