Uah, Doki Doki Literature Club ist das Verstörendste seit Langem

doki doki

Das war verstörend wie nichts anderes. Doki Doki Literature Club [offizielle Seite] sagt bei jedem Start, es könnte so kommen. “Nicht für Kinder und leicht zu verstörende Leute” steht da – nicht aus Jux und Tollerei -, und man muss mehrfach bestätigen, die Warnung verinnerlicht zu haben. Aber es dauert. Ungefähr zwei Stunden, in denen das Spiel als “normale”, durchaus lebenslustig eingefärbte Visual-Novel tut, was im Rahmen von Visual-Novels Normalität bedeuten kann.

Ihr klickt euch durch Gespräche mehrerer Mädels in einem Gedichtclub, seid mittendrin als neues männliches Mitglied (dessen Gesicht man nie sieht), hin- und hergerissen von mir aus. Zwischen der hübschen Vorsitzenden, der Introvertierten mit den intellektuellen Gedichten, dem süßen Plappermaul mit dem Manga-Faible. Es ist leichtherzig-romantische Comedy mit universellen Anime-Figuren und beschwingter Musik. Ein wenig langwierig vielleicht, scheinbar ziellos und banal.

Und dann, oh Mann. Eigentlich ist jedes weitere Wort zu diesem Spiel zu viel. Ich verrate nicht, was passiert, nur dass bis zum ersten Paukenschlag immer wieder kleine schauerliche Einsprengsel durchrieseln. Bestimmte Dinge, die bestimmte Personen unvermittelt von sich geben. Dass man nach jedem Kapitel ein eigenes Gedicht aus mehr oder weniger verstörenden Worten zusammenklicken muss. Die erste düstere Regenwolke, auf die das Spiel bei einem zentralen Charakter hinarbeitet und die ihn unerwartet gefühlvoll ins Verhältnis zu den anderen setzt.

Irgendwas stimmt mit dieser Geschichte nicht und ich merkte es trotz aller Andeutungen erst so richtig, als es zu spät war. Klar, die Tragödie des eröffnenden Aktes spitzt sich über einen längeren Zeitraum zu. Es ist nicht mal wahnsinnig schockierend, nur ein unglaublicher Bruch mit der ach so leichtlebigen Fassade.

Das Spiel hat sich an diesem Punkt bereits in mehr oder weniger subtilen, die vierte Wand brechenden Psychohorror verwandelt. Oder sagen wir: in ein Gefühl von Erschütterung, was noch alles passieren wird, jetzt, wo der Pfad zum Spieler offenliegt. An der Oberfläche ist es noch eine ganze Weile eine niedliche Geschichte übers Bücherlesen und Sich-näher-Kommen, und es entgleist und entgleist einfach immer weiter. So einige Spiele folgen einem “Meta”-Ansatz. Sie sind gestaltet, als seien sie sich des Konsumenten gewahr (denken wir an Eternal Darkness und Pony Island, um nur zwei zu nennen). Sie spielen selbst gewissermaßen mit ihm, seinen Erwartungen und Gewohnheiten.

Doki Doki ist so eins und schießt darüber hinaus, in einer Art, die in falscher Gemütslage oder Erwartungshaltung gewaltig an die Nieren gehen kann. Dann wiederum nutzt es die Erzählmöglichkeiten seines Mediums hervorragend. Die eigentliche Handlung ist egal. Es ist ein Spiel mit Leib und Seele und anders verabreicht, etwa in Videoform als Zuschauer, gar nicht denkbar. Props an Dan Salvato vom Entwickler Team Salvato für dieses clevere, unberechenbare und bitterböse Stück.

Das Spiel erscheint morgen kostenlos bei Steam und ist schon seit Kurzem bei Itch erhältlich. Seid ihr eher von der schreckhaften Sorte und schon bei physisch greifbarem Horror auf und davon, überlegt euch lieber zweimal, ob ihr dieser Mädelsrunde Gesellschaft leisten wollt.

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