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The Evil Within 2 ist ein gemütlich-zerstörerisches Spiel und eine klasse Fortsetzung

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Mein Stand in The Evil Within 2 vor drei Tagen: über sieben Stunden drin und im vierten von 17 Kapiteln. Das lässt sich in Sachen Spielzeit nicht einfach hochrechnen, spricht aber für ein gemütliches Spiel. Es ist die vielleicht verstörendste Erkenntnis über ein auf viele Arten verstörendes und in der Abfolge absurder Geschehnisse selten ruhendes Spiel, soweit eine Stadt voller Leichenberge empfundene Gemütlichkeit für euch zulässt. Ihr seht das brennende Gesicht eurer Spieltochter, als wäre es der Nazi am Ende von Indiana Jones. Ihr seht, wie eine Geisterfrau aus einer Jukebox krabbelt und ein Kerl mit Erbrochenem gemästet wird. Alles schön und wurscht. Mein Evil Within 2 ist trotzdem dem langsamen Tempo verpflichtet (derzeit Kapitel 9).

Schon deshalb, weil es wie ein schönes Kohlbeet offener angelegt ist. All diese Scheußlichkeiten geraten strukturell automatisch gemächlicher, wenn sich nicht die komplette Freakshow missratener Gliedmaßen, Tentakel und zusammengestückelter Fleischberge durch den fett inszenierten Schlauch zwängen muss, sondern Platz zum Atmen lässt. Jeder Bahnwaggon ist ein lohnender Abstecher, fast jede Nebenmission von gleichwertiger Inszenierung mit Zwischensequenzen und all dem.

Klar, man hangelt sich auch hier von einem Unterziel zum nächsten mit dem Auffinden der verloren gegangenen Tochter als Hauptaufgabe. Sicher, es ist keine Open-World, und Gott sei Dank ist es das nicht. Entwickler Tango Gameworks hat genau das Richtige getan: die Welt nicht übermäßig ausgewalzt zu einem formlosen Etwas, sondern einzelne Abschnitte des Handlungsortes Union in sich geöffnet, mit Straßen, Gässchen, begehbaren Gebäuden und Hinterhöfen. Eine gemütliche Nachbarschaft, bestünde sie in ihrer Form nicht als bedenklich in Schieflage geratenes Gedankenkonstrukt mit darin herumwandernden Monstern. Ich glaube, auch die Drei-Meter-Frau mit den Kreissägenarmen hat eine Bedeutung, aber das weiß sie selbst bestimmt am besten.

Was dieser Clusterfuck nun sein soll, könnte man The Evil Within 2 ebenso fragen wie den Vorgänger, und wieder hängt die Antwort von eurer Auffassung eines unbequem aufs Sitzfleisch drückenden Survival-Spiels ab. Ein durch die Hintertür schleichender Trip wie einige Silent Hills ist die Fortsetzung nach wie vor nicht, auch wenn Union im Aufbau manchmal an die gleichnamige Stadt erinnert. Ich fühlte mich hier und da wie in Silent Hill Downpour, einem ziemlich unterschätzten, liebenswerten Ding von höherer Qualität, als ihm viele Leute zugestehen können.

Evil 2 ist ein rüder Knochenbrecher, der wie sein Vorgänger die Grenzen zwischen maßlosem Splatter, urjapanischem Kleinmädchenhorror und kapriolenreichem Katastrophenfilm verwischt, als wäre es nichts. Bevor es wieder kurz auf surrealen Umgebungshorror macht, mit sich beim Umdrehen verändernden Fluren wie in Layers of Fear, nur dass das hier nicht Hauptbestandteil ist. Ich beneide diese Fantasie und die leinenlose Haltung der Entwickler. Kurzum: Jederzeit kann quasi alles passieren. Subtiler Grusel hat kaum Zeit, sich über eine längere Szene aufzubauen.

Die offener gehaltenen Stadtbereiche sind wunderbar mit Monstern ausgekleidete Hindernisparcours, in denen es um die Nutzung gegebenen Raums und die Konfliktmeidung mithilfe von Autos oder Seitengassen geht. Ihr könnt zumindest ein Stück weit über das Vorrücken entscheiden, während ein Quest-Marker-ähnlicher Kommunikator gleichermaßen Nebenmissionen und den Ort erfasst, wo Hauptcharakter Daddy seine verschwundene Tochter zu finden hofft. Dauert natürlich ewig, da ihm jedes neue Ziel wie eine niemals näherkommende Karotte vor der Nase baumelt. Ein kleiner McGuffin, und er funktioniert. Auch wegen der Verknüpfung mit dem einfach greifbaren Gegenspieler. Als bequemer Sander-Cohen-Verschnitt (der Typ aus Bioshocks Fort-Frolic-Level) erinnert er euch regelmäßig daran, was ihr hier tut und was auf dem Spiel steht. In den linearen Innenabschnitten, die Evil 2 immer wieder untermischt, klappt das besser.

Und: Es ist nicht einfach, manchmal bestrafend, was für ein Survival-Horrorspiel nie schlecht ist und ein gemütlich-verlangsamtes Vorgehen erforderlich macht. Jedes Nachschub-Item ist nützlich, jede Kugel oder Heilspritze. Charakterverbesserungen im Fertigkeitenbaum und Waffen-Upgrades fühlen sich wertvoll an. Man nimmt sie mit Kusshand, bedenkt man, dass zwei Gegner unter falschen Voraussetzungen schon einer zu viel sein können. Ihr habt fast jederzeit die Wahl zwischen lautstarkem Kampf, der mehr Bösartiges im Umkreis aufscheucht, und dem Anschleichen an Monster, die sich panisch umblicken – letztlich derselbe Ausgang. Macht was draus. Das Spiel möchte, dass ihr euch mit den selten überschüssigen Mitteln clever, smart und erleichtert fühlt, was vielleicht seine größte Errungenschaft ist.

Wollt ihr Körperfresserhorror à la Dead Space, jupp, steckt eine Menge drin. Es geht hier zwar für Daddy weniger um die Bedrohung des intimsten Lebensraums, sieht man von den Todesanimationen ab und davon, dass er eben einfach stirbt, wenn etwas in ihn eindringt. Aber die Vorstellung des Kontrollverlusts durch etwas Fremdes schwingt mit, und sei es nur in der Prämisse, weil die Monster so menschenähnlich aussehen. Was auch immer durch dieses gemütliche Spiel kreucht und fleucht, es will sein Territorium mit Gewalt ausweiten.

Es ist gemütlich mit all den sich ändernden Kleinigkeiten, wenn man durch einen Spiegel ins Büro von Daddy Castellanos zurückkommt: die Katze vor dem Projektor, die vor der Videowand liegen gelassenen Geschenke in Form von Upgrades und Waffenbauteilen. Der kurze Abstecher hierher fühlt sich jedes Mal heimelig und entschleunigt von all den Grausamkeiten an. Dann wiederum ist The Evil Within 2 ein kauziges Spiel, in dem man fäustlings auf ‚Fuji-Dew‘-Getränkeautomaten haut und manchmal beim ersten und vierten Anstoßen ein Item herausbekommt, nicht beim zweiten oder dritten.

Es pflegt kleine, alberne, gemütliche Details, wenn man sich mit einer Tasse Kaffee heilt oder im Büro einen angehängten Schießstand vorfindet. Die Krankenschwester aus dem Vorgänger ist auch wieder hier und Daddy freut sich jedes Mal beim Erzielen einer guten Punktzahl. Ich glaube, sehr viel gemütlicher und befremdlicher wird es nicht mehr vor dem gegebenen Hintergrund. Die Entwickler scheißen zugunsten des vermittelten Überlebenskampfes auf Reinlichkeit und Clipping, spätestens wenn Daddy beim Abtreten mit der oberen Schädelhälfte in die Wand ragt. Es zählt nur, dass er dabei entrumpft, ausgeweidet oder anderweitig wichtigen Lebensfunktionen entrissen wird.

Aaaalso: Viel Splatter, wieder ein Mash-up vieler Horrorschulen und wenig Munition. Die Verkaufszahlen von The Evil Within 2 sehen derzeit nicht unbedingt blendend aus, was einen dritten Teil erst mal infrage stellt. Sollte die Reihe hier enden, bin ich froh, dass es in Form eines so blutrünstigen, bis in die letzte Pore abgefuckten Knochenbrechers geschieht. Erhältlich bei Steam und Humble.

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Sebastian Thor

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