Wie viele Details passen in zwei Stunden Kingdom Come: Deliverance?

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Gar nicht so einfach, wenn viele der üblichen Gepflogenheiten euch zu Füße liegender Open-Worlds plötzlich nur noch zum Teil greifen. Ein in mehrerlei Hinsicht auf Kingdom Come: Deliverance beziehbarer Umstand, dem ich mich vergangene Woche stellen musste, ihr ab dem kommenden Februar. Eine generelle Unterscheidung zwischen ‚dem Üblichen in Tamriel‘ und Kingdom Comes im Böhmen des 15. Jahrhunderts verankertem Ansatz ist schwer, jedenfalls anhand von Bildern. KC hat genauso einen oben anliegenden Kompass mit Markern wie Skyrim, genauso alle möglichen Arten von Wildblumen wie The Witcher, genauso eine Weltkarte mit allmählich aufgedeckten Ortschaften, genauso Schnellreise und ein Tagebuch voller Quests.

Und trotzdem scheint es mindestens zu gleichen Teilen auch ein Spiel über Land und Leute zu sein, in guten Momenten eine kleine Geschichtsstudie über Mittelaltermode, Architektur, Schwertkampf und Alchemie. Orte und Gebäude sind, soweit möglich, ihren historischen Be- und Gegebenheiten nachempfunden, etwa ein Kloster, das wirklich an derselben Stelle steht wie im Spiel, aber egal. Kann eh niemand so einfach nachprüfen.

Oder nehmen wir den Kampf. Man braucht kein abgeschlossenes Studium für die Erkenntnis, dass Schwertkampf in der realen Welt anders abläuft als in Skyrim. Nach zwei Stunden Spielzeit mit Kingdom Come kann ich schwerlich behaupten, alle Nuancen verstanden zu haben, was fantastisch ist. Oberflächlich damit vertraut, aber weit genug weg, am Haken eines angenehm komplex wirkenden Systems, aber noch fernab der tiefergehenden Möglichkeiten. Ich mag Systeme zum Einfuchsen, und das hier ist eines mit anvisierbaren Körperregionen, Antäusch- und Ausweichmanövern. Jeder Angriff vermittelt angemessenes Gewicht beim Führen des schweren Kriegsgerätes. Buttonmashing und eine Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Attitüde dürften sehr schwierig werden.

Bogenschießen? Gibt es auch, aber anders als in der gängigen Fantasy-Sandbox. Ihr müsst wirklich über Kimme und Korn zielen, ohne Fadenkreuz und unter zunehmendem Zittern. Das Spannen einer Bogensehne ist eben mit viel Körperkraft verbunden und das Verweilen in der Position nur begrenzt lange möglich. Ein Kopftreffer nimmt den Gegner direkt aus dem Rennen, und der muss erst mal gelingen. Entwickler Warhorse war so umsichtig, vor einigen Wochen das obige Video zu veröffentlichen. Darin erklären sie die Feinheiten des Kampfes besser, als ich es je auf die Reihe bekäme.

Und euer Antrieb könnte ohnehin sein, so viele Auseinandersetzungen wie möglich zu umgehen, etwa durch Schwatzerei in Form mehrerer Social-Skills. Auch wenn ich in all den Jahren immer nur Ausschnitte gesehen und gespielt habe und am Ende alles weniger verschachtelt, viel geordneter im Sinne des Contents ablaufen könnte, wirkt das wie die Art satt ineinandergreifender Systeme, die großformatige Rollenspiele für gewöhnlich bewusst meiden oder nur am Rand streifen. Fallout: New Vegas ist eine herausstechende, wichtige Ausnahme. Ansonsten leisten das in der Regel nur unbekümmert ihrer Vision folgende Indie-Produktionen wie Age of Decadence (das aber richtig), Underrail oder Divinity: Original Sin.

Kingdom Come: Deliverance könnte trotz aller Bemühungen um Cineastik und Schauwerte in den Dialogen und Landschaften ein solches Rollenspiel werden. Das ist auch eine Frage der Kleinigkeiten, zum Beispiel um die 300 Buffs, also auf den Charakter einwirkende Zustände. Die können von vielem herrühren, was der Schmiedesohn in der Mittelalterwelt zu tun imstande ist. Mein Highlight bisher ist ein ausschmückender Effekt der Redegewandtheit, wenn man genug bestimmter Blumen pflückt und im Inventar herumträgt. Sag ich doch, Kleider fassen Blumen, und die machen Leute, jedenfalls manchmal.

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Und wenn wir gerade bei Kleinigkeiten sind: Ich liebe diesen Kodex, der Wissenswertes zu Orten, Personen, Gebäuden und Geschehnissen bündelt. Infos über Imkereien, Erdwohnungen, Wappenkunde, Tuchhändler, Schneidereien oder die Kneipe um die Ecke, sowie man das erste Mal über etwas Neues stolpert. Man fühlt sich fast wie auf den Spuren eines Schriftgelehrten und erlangt allmählich ein Verständnis für die Welt, kann den mit historischen Beispielen angereicherten Lesestoff aber auch einfach ignorieren.

Eine der schönsten Quests, wenn man sie so nennen darf, hat nichts zu tun mit Kämpfen (falls ihr es möchtet) oder Schatzkisten, sondern mit dem Leben. Dem Leben in der mittelalterlichen Welt, den Bauern und Bettlern, ihren Tagesabläufen. Andere Rollenspiele wollen aufregend sein, immerzu. Es muss immer etwas auf dem Spiel stehen, krachen und am Ende Gold und Diamanten regnen. Kingdom Come vermittelt einfache Freude daran, euch in die Rolle einer Stadtwache zu versetzen. Ihr trefft euren Kollegen zur Mittagszeit, natürlich in angemessener Dienstuniform, sonst lässt er euch stehen. Dann dreht ihr eine Runde mit ihm, während er über Menschen, Orte und alles Mögliche redet. Ihr schlichtet einen Zwist zwischen Kaufmann und Bettlerin und steht Seite an Seite mit dem Begleiter, als er sich einen armen, an die Wand gelehnten Schlucker vornimmt.

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Einfache Situationen, der Lauf der Dinge, die Abbildung täglichen Lebens und eine deswegen so spannende Welt, weil sie vordergründig gar nicht spannend im Sinne eines Videospiels sein möchte. Sobald sich der Tage dem Ende zuneigt, müsst ihr mit der Fackel losziehen und mit dreimaligem Rütteln an der Stadtglocke die Sperrstunde ausrufen. Ein paar Säufer in der örtlichen Kneipe halten weniger von diesem Vorschlag, woraufhin ein erbitterter Faustkampf mit ihrem Anführer entbrennt. Später gerät man immer wieder mit ihm aneinander, etwa in einer Jagdszene, von der ich mir leider nur erzählen lassen konnte. Auch darin geht es mehr um seine Hochnäsigkeit, darum, wie er als Mensch tickt und zu eurem Charakter steht.

Oder das Kloster. Im Laufe des Spiels erlangt ihr Zugang und sollt einen Mord aufklären. Gar nicht so einfach, da man als Mönch der Gruppe untersteht, morgens mit den anderen essen muss, danach arbeiten, nachmittags dies tun, abends das. Ein bisschen erinnert der Ansatz an The Escapists, eine Gefängnisausbruch-Sandbox. Auch hier müsst ihr die wenigen Pausen im durchgeplanten Tagesablauf zur Verfolgung eigener Ziele clever nutzen, um Erkundungen anzustellen und unbemerkt in gesperrte Bereiche zu gelangen. Lasst ihr euch mehrfach beim Schnüffeln erwischen, setzen euch die Mönche vor die Tür, und das war es mit diesem Handlungsstrang.

Dann wiederum gibt es die andere Seite von Kingdom Come, und sie hat nichts, rein gar nichts mit der Qualität zu tun. Sie hat zu tun mit Erwartungen und Enttäuschungen, in genau der Reihenfolge. Wenn das Spiel am 13. Februar für PC und Konsolen erscheint, dürfte es breitflächigere Aufmerksamkeit erregen, allein schon mit seiner Grafik. Verschwenderisch mit Gras und Blumen eingedeckte Hügel, tiefe Wälder voller Blattwerk, Klippen, Burgen und Höfe entlang des Weges sind auf den ersten Blick und besonders für weniger belesene Spieler nicht so weit weg vom üblichen Elder Scrolls. Es sieht so gut aus, handwerklich mit so viel Verve gefertigt, dass man nur schwer daran vorbeilesen kann.

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Spontankäufe von Leuten, die nicht genau wissen, worauf sie sich einlassen, würde ich nicht ausschließen. Natürlich können diese Leute trotzdem Halt in dem Spiel finden, doch ich fürchte, dass so mancher frustriert die Waffen streckt, weil man eben nicht wie ein Bulle am Nasenring durch die Welt gezogen wird. Es gibt zwar Marker, aber keine, die euch mit dem Kopf auf die Lösung stoßen. Verbummelt ihr die Stadtwache und lasst euch ablenken, wartet der Kollege nicht däumchendrehend daneben. Er verschwindet und setzt seine Route fort. Wo genau, das verrät kein Quest-Pfeil. Ihr könnt die Wartefunktion bemühen, euch schlafen legen (wodurch der Charakter entspannt und hungrig wird) und am nächsten Tag den Ablauf wiederholen.

Witzig ist auch die Speicherfunktion, von der wir bereits vor einigen Wochen hörten. Autospielstände bei Beginn einer Quest sind genau das: automatisch und verlässlich angelegt in mehr oder weniger größeren Abständen. Wollt ihr zwischendurch speichern, braucht ihr einen Schnaps und werdet von Mal zu Mal betrunkener, zumindest wenn man es damit übertreibt. Wo man das harte Zeug kaufen kann, weiß ich nicht. Ich fand in den paar Stunden keinen Händler mit entsprechendem Angebot. Ein weiteres kleines Mysterium, das sich Kingdom Come: Deliverance bis zu seinem Release am 13. Februar bewahrt.

1 Kommentare

  1. Sadako sagt:

    Endlich ein rpg im Mittelalter ohne fantasy und vor allem ohne ausgetretenes Elder scrolls Spiel und Kampfsystem. Habe KC schon so lange auf dem Schirm, bin noch immer so skeptisch ob es am Ende etwas wird, aber ich will es haben. Danke für den detaillierten Artikel.

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